Zurich Design Weeks 2026
Vom Stuhl zum Raum
Im Zentrum standen drei Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen ihres Schaffens: der «Siamesische Drilling» von 1967, die RH-304-Sessel von Robert Haussmann und «Atlantis Steps», ein Teppichentwurf für das Zürcher Hotel Atlantis von 1986, den Ruckstuhl gemeinsam mit EDITION-H neu aufgelegt hat.
Die Arbeiten standen nicht isoliert im Raum. Sie trafen auf die Architektur von Tilla Theus, auf den Steinintarsienboden des Kaminzimmers und auf die Geschichte des Widder Hotels selbst. Aus Möbel, Teppich, Kunst und Architektur entstand für wenige Tage ein vielschichtiger Dialog.
Ein Stuhl, der keiner mehr ist
1967 verschränkten Trix und Robert Haussmann drei klassische Thonet-Stühle zum «Siamesischen Drilling». Das Objekt entstand für die Werkbund-Aktion «Chair Fun» und wurde zu einer pop-geprägten Möbelpersiflage – einem ironischen Gegenentwurf zur funktionalistischen «Guten Form».
Aus einem Gebrauchsgegenstand wurde eine Skulptur, die ihre eigentliche Funktion bewusst verweigert.
Theodor «Teo» Jakob erwarb den «Siamesischen Drilling» nach der Aktion für seine Sammlung. Heute befindet sich das Objekt in der Stiftung Kunstsammlung Teo Jakob.
In diesem frühen Werk wird sichtbar, was das gemeinsame Schaffen der Haussmanns später immer wieder prägen sollte: das Spiel mit Konventionen, Wahrnehmung und Erwartung.
Eine Illusion aus Wolle
Fast zwanzig Jahre später arbeiteten Trix und Robert Haussmann in einem anderen Massstab.
1986 gestalteten sie den Empfangsbereich des Zürcher Hotel Atlantis um, in welchem Wirklichkeit und Illusion ineinandergriffen. Einer dieser Entwürfe ist «Atlantis Steps».
Hell-Dunkel-Abstufungen erzeugen den Eindruck von Stufen und räumlicher Tiefe, obwohl die Oberfläche vollkommen eben bleibt. Vierzig Jahre später haben Ruckstuhl und EDITION-H den Entwurf neu aufgelegt.
Die optische Idee blieb unverändert. Das Material wurde in die Gegenwart übersetzt.
Die Nutzschicht des Teppichs besteht heute zu 60 Prozent aus rezyklierter Wolle. Das von Otex entwickelte Garn wird aus nicht mehr getragenen Wolltextilien gewonnen und zu einem neuen hochwertigen Garn verarbeitet.
Im Kaminzimmer erhielt «Atlantis Steps» einen besonderen Gegenüber. Der Steinintarsienboden wurde von Tilla Theus nach den Linien einer Zeichnung für ihren Vater entwickelt. Während der Ausstellung lagen damit zwei Bodenbilder übereinander: die optische Illusion der Haussmanns und die steinerne Zeichnung von Tilla Theus.
Dazwischen standen drei rote RH-304-Sessel. Robert Haussmann hatte das Modell 1957/58 für die «Salle Suisse» der UNESCO in Paris entworfen. Tilla Theus wählte später eine rote Sonderausführung für das Widder Hotel. Die gezeigten Exemplare stammen aus dem ursprünglichen Hotelinventar.
Ein Haus als Teil der Ausstellung
Dass «Vom Stuhl zum Raum» im Widder Hotel gezeigt wurde, war mehr als eine Frage des Ausstellungsortes.
Tilla Theus verband beim Umbau neun historische Stadthäuser zu einem vielschichtigen Ensemble, in dem alte Bausubstanz, neue Materialien, Kunst und Design bewusst nebeneinanderstehen. Diese Haltung war auch im Kaminzimmer spürbar.
Der Steinboden, die historischen RH-304-Sessel und die Kunst des Hauses bildeten keinen neutralen Hintergrund, sondern wurden selbst Teil der Präsentation. Dazu gehört auch ein Werk von Andy Warhol, das exemplarisch für die enge Verbindung von Kunst, Architektur und Interieur im Widder steht.
So entstand eine Konstellation, in der sich verschiedene Zeiten und Disziplinen überlagerten: Haussmann traf auf Theus, Möbel auf Teppich, Design auf Kunst.
Gerade darin lag die Qualität dieser kleinen Ausstellung.
Nur wenige Schritte entfernt führte die Carpet Design Competition 2026 den Blick auf den Teppich in die Gegenwart. In der Lobby des Widder Hotels waren 16 ausgewählte Entwürfe aus mehr als 70 Einreichungen zu sehen.
Der von der STF Schweizerischen Textilfachschule und Ruckstuhl initiierte Wettbewerb arbeitete mit hochwertigen Wollgarnen aus Restbeständen und kleinen Produktionschargen. Drei ausgezeichnete Entwürfe wurden bei Ruckstuhl in Langenthal als Teppich-Unikate auf dem Tufting-Roboter umgesetzt.
Damit trafen im Widder zwei Generationen gestalterischer Arbeit aufeinander: ein historisches Designwerk, das neu gelesen und weiterentwickelt wird, und junge Positionen, die aus vorhandenem Material neue Formen entstehen lassen.












Dass diese Begegnungen für einige Tage möglich wurden, verdanken wir vielen Beteiligten.
Unser besonderer Dank gilt Christian Herren für das Ausstellungskonzept und die kuratorische Begleitung von «Vom Stuhl zum Raum», der Stiftung Kunstsammlung Teo Jakob für die Leihgabe des «Siamesischen Drillings» und Tilla Theus für die Leihgabe der historischen RH-304-Sessel.
Dem Widder Hotel danken wir für die grosszügige Gastfreundschaft und für einen Rahmen, der weit mehr war als Kulisse. Die Architektur, die Geschichte und die Kunst des Hauses wurden selbst Teil der Ausstellung.
Ebenso danken wir teo jakob, der STF Schweizerischen Textilfachschule, den Zurich Design Weeks sowie allen Beteiligten, die mit Wissen, Handwerk, Organisation und persönlichem Einsatz zu diesen Tagen beigetragen haben.
Und natürlich allen Besucherinnen und Besuchern, die die beiden Ausstellungen entdeckt haben.
Mit dem Ende der Zurich Design Weeks ist die Geschichte nicht abgeschlossen.
Am 14. November 2026 eröffnet im Bündner Kunstmuseum Chur «Haussmann Studiolo». Die Ausstellung führt den Blick auf das gemeinsame Designwerk von Trix und Robert Haussmann weiter – mit Möbeln, Entwürfen und räumlichen Arbeiten sowie Werken aus der Stiftung Kunstsammlung Teo Jakob und Teppichen der neuen TRIX & ROBERT HAUSSMANN COLLECTION von Ruckstuhl.
Für Trix Haussmann ist die Ausstellung zugleich eine Rückkehr nach Chur, wo sie 1933 geboren wurde und aufwuchs.
Haussmann Studiolo
Bündner Kunstmuseum Chur
14. November 2026 – 14. März 2027
Fotos Ausstellung: Pierre Kellenberger
Fotos Hotel Widder: z.V.G.
Fotos STF Carpet Competiion: z.V.G.

