Podcastgespräch über Ruckstuhl, Teppichdesign und Manufaktur

Zwischen Tradition und Aufbruch

Studio Lookout Podcast zu Besuch

Adrian Berchtold über Unternehmertum, Sichtbarkeit und die Verantwortung, sich zu zeigen
Wie verbindet man 140 Jahre Handwerk mit Circular Design, digitaler Innovation und einer zeitgemässen Unternehmenskultur? Für Adrian Berchtold gehören diese Themen untrennbar zusammen. Im Podcast des Studio Lookout Salon spricht Geschäftsführer und Mitinhaber der Schweizer Teppichmanufaktur Ruckstuhl mit Maximilian Grieger über seinen Weg vom Lernenden zum Unternehmer, über technologische Innovation – und über die Bedeutung von Sichtbarkeit.
Podcastgespräch über Ruckstuhl, Teppichdesign und Manufaktur
Max Grieger zu Besuch bei Adrian Berchtold

Als Berchtold 2021 gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Valentin Baumann die Verantwortung für das traditionsreiche Unternehmen übernahm, traf er eine persönliche Entscheidung: Er bekannte sich öffentlich zu seiner Homosexualität. Ein Schritt, der für viele Menschen selbstverständlich erscheinen mag, in einer ländlich geprägten Region jedoch bis heute nicht ohne Bedeutung ist.

«Ich wusste: Jetzt kann ich sein, wie ich bin – und niemand kann mir deshalb etwas anhaben. Diese Freiheit wollte ich auch anderen zeigen.»

Auslöser für diesen öffentlichen Schritt war ein homophober Brief einer religiösen Gruppierung. Berchtolds Antwort darauf wurde in der Schweizer Presse aufgegriffen und machte ihn unverhofft zu einer Stimme für Sichtbarkeit und Vielfalt in der Wirtschaft.

«Als Unternehmer trage ich Verantwortung – auch dafür, anderen Mut zu machen.»

Adrian Berchtold

Diese Haltung spiegelt sich auch in der Entwicklung von Ruckstuhl wider. Das 1881 gegründete Unternehmen verbindet traditionelle Fertigungstechniken mit neuen Technologien und nachhaltigen Materialien. In der Manufaktur in Langenthal arbeiten bis zu 80 Jahre alte Webstühle neben digital gesteuerten Robot-Tufting-Anlagen. Viele Maschinen werden mit grossem Aufwand instand gehalten; Ersatzteile existieren oft längst nicht mehr und müssen individuell nachgebaut werden.

Gleichzeitig entstehen hier neue Ansätze für eine zirkuläre Zukunft. Ein Beispiel ist die aktuelle Kollektion von Trix und Robert Haussmann. Die ikonischen Entwürfe der Schweizer Designlegenden wurden gemeinsam mit Circular Living neu interpretiert und aus einer Wollqualität gefertigt, die zu 60 Prozent aus recycelten Textilien besteht.

Ergänzt wird die Kollektion durch einen digitalen Produktepass, entwickelt mit World of Pi. Über einen QR-Code erhalten Nutzerinnen und Nutzer Zugang zu Informationen über Materialien, Herkunft und Pflege. Darüber hinaus begleitet ein digitales Tagebuch den Teppich über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg und schafft eine emotionale Verbindung zwischen Objekt, Besitzer und Geschichte.

Podcastgespräch über Ruckstuhl, Teppichdesign und Manufaktur
Adrian Berchtold scannt den PI des Teppichs STRIPE aus der Trix & Robert Haussmann Collection
«Transparenz ist für uns keine Pflicht, sondern ein Versprechen – auch gegenüber künftigen Generationen.» Adrian Berchtold

Das Gespräch macht deutlich, dass Innovation bei Ruckstuhl nicht allein eine Frage der Technologie ist. Sie beginnt bei der Haltung. Ob im Umgang mit Materialien, mit Mitarbeitenden oder mit gesellschaftlichen Fragen: Zukunft entsteht dort, wo Menschen den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen und sichtbar zu sein.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Verbindung zwischen Tradition und Aufbruch. Nicht in den Maschinen, den Produkten oder den digitalen Werkzeugen – sondern in der Bereitschaft, Bestehendes zu bewahren und gleichzeitig neue Wege zu gehen.